UNSERE
MUSICAL-
GESCHICHTE
DAS IST DER GESELLSCHAFTLICHE ANSPRUCH DER BIRSTEINER FESTSPIELE
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Die Birsteiner Festspiele verbinden regionale Geschichten mit zeitgenössischem Musiktheater. Sie nehmen lokale Mythen ernst, ohne sie zu romantisieren, und nutzen sie als Spiegel für gesellschaftliche Fragen unserer Gegenwart.
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Weil kulturelle Identität nicht importiert werden muss. Lokale Sagen, Biografien und Konflikte bieten starke dramaturgische Stoffe, die zugleich historisch verwurzelt und aktuell anschlussfähig sind.
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Beides — bewusst. Es verankert sich in der Region, arbeitet aber mit professionellen künstlerischen Standards, zeitgemäßer Musik und einer kritischen, reflektierten Perspektive.
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Künstlerische Schlüsselpositionen (Regie, Musik, zentrale Rollen) liegen bei Profis; lokale Mitwirkende gestalten maßgeblich mit. So entsteht ein produktives Zusammenspiel aus Expertise und Authentizität.
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Der ländliche Raum ist kein Hintergrund, sondern Zentrum des Projekts: Bühne, Thema und Gemeinschaft zugleich. Kultur wird hier nicht „bespielt“, sondern gemeinsam entwickelt und getragen.
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Unsere Produktionen sollen Dialog anstoßen — über Freiheit, Macht, Gemeinschaft, Natur, Identität und Verantwortung — und zeigen, dass anspruchsvolle Kunst auch außerhalb großer Städte entstehen kann.
Birsteiner Festspiele 2020 (Abgesagt)
Hat es dich geschert?
Dir war dein Krug lieber als ich.
Über das Stück
Pakt der Weiber entfaltet ein düsteres Dorfbild zwischen Gewalt, Sehnsucht und heimlicher Solidarität. Ausgangspunkt ist die zerrüttete Ehe der Bäuerin Katharina Beyer: Ihr trunksüchtiger, gewalttätiger Mann Johannes terrorisiert Familie und Hof – ein Zustand, der für sie unerträglich geworden ist.
In diese Spannung hinein tritt Charlotte, eine junge Tischlerin auf der Walz, die im Dorf Arbeit sucht und sich in Katharinas Sohn Ernst verliebt. Zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, erkennen dennoch dieselbe Wahrheit: Beide wollen Ernst schützen – und beide wissen, dass Johannes ihnen im Weg steht. Aus diesem geteilten Begehren erwächst ein fataler Pakt.
Das Musical greift den historischen Mordfall von 1836 am Neuhäuser Weiher auf, transformiert ihn jedoch in eine moderne Parabel über Macht, Schuld und Gemeinschaft. Unter der scheinbar bodenständigen Oberfläche Birsteins brodeln Angst, Begierde und unterdrückte Gewalt. Der Weiher selbst wird zur mythischen Gegenfigur: still, schön – und gefährlich.
Pakt der Weiber fragt damit unbequem, wie weit Menschen gehen dürfen, wenn sie schützen wollen – und was eine Dorfgemeinschaft übersieht, wenn sie lieber wegschaut, als hinzusehen.
Regie
Axel Brauch
Buch
Alexander Frank
Musik
Jochen Flach
Bühne & Kostüm
Gesine Mahr
Choreographie
Brita Schäfer-Clarke
Intendanz
Angelika Roskoni
Birsteiner Festspiele 2016 · 2017
Die Welt braucht Verrückte. Nur so dreht sie sich weiter.
Über das Stück
Basierend auf der wahren Lebensgeschichte und Aufzeichnungen des jüngeren Grimm-Bruders und Illustrators der berühmten Märchensammlungen entfaltet Der Wilde Grimm eine vielschichtige Erzählung an der Schnittstelle von Biografie, Erinnerung, Volklore und Märchen.
Ausgangspunkt ist eine poetische Rahmenhandlung: Die alte Auguste liest ihren Nichten vor – und aus diesen Geschichten wächst das Leben Ludwig Emil Grimms als lebendiges Bühnenbild hervor. Vergangenheit und Gegenwart, Fantasie und Wirklichkeit durchdringen sich dabei bewusst, um zu zeigen, wie stark Geschichten Identität formen.
Als junger Künstler ringt Ludwig mit den engen Normen seiner Zeit. Zwischen familiärer Geborgenheit, dem schmerzlichen Verlust der Mutter und den politischen Verwerfungen der napoleonischen Ära behauptet er seinen Weg zur Kunst. Der entscheidende Wendepunkt führt ihn nach Birstein, in die Landschaft seiner Großmutter.
Dort begegnet er Gräfin Auguste – Inspiration, Sehnsucht und Spiegel seiner eigenen Kreativität zugleich. Ihre Verbindung bleibt gesellschaftlich unmöglich, doch künstlerisch fruchtbar: Aus dieser Spannung erwachsen jene Illustrationen, die den Märchen seiner Brüder ihre unverwechselbare Bildsprache geben.
Regie
Axel Brauch
Buch
Steffen Dargatz
Musik
Jochen Flach
Bühne & Kostüm
Gesine Mahr
Choreographie
Brita Schäfer-Clarke
Intendanz
Angelika Roskoni
Birsteiner Festspiele 2011 · 2012
Für solche wie Dich haben wir einen Sack voll Geld mitgebracht.
Über das Stück
In Der Raub des Seraphinenordens wird das scheinbar idyllische Birstein zum Schauplatz eines grundlegenden Konflikts um Erinnerung, Macht und kulturelle Identität. Ausgangspunkt ist ein ausgelassenes Dorffest mit Tanz, Gesang und Vorfreude auf den traditionellen Markt – ein Bild gelebter Gemeinschaft.
Doch diese Harmonie wird durch das Auftreten der „Kulturgangster“ erschüttert. Sie verkörpern eine moderne, kalte Logik von Geld und Kontrolle: Sie kaufen Vertrauen, sammeln Geschichten und löschen sie symbolisch aus. Schritt für Schritt verlieren die Birsteiner ihre Wurzeln, ihre Rituale und sogar die Wahl des Wilden Weibes gerät ins Wanken.
Im Zentrum steht der Seraphinenorden im Schloss – mehr als ein historisches Objekt: Er ist Sinnbild der lokalen Geschichte und Würde. Sein Raub markiert den Versuch, Birstein seiner Seele zu berauben. Erst als die Dorfgemeinschaft den Verlust erkennt, entsteht Widerstand. Durch Solidarität und Erinnerung holen sich die Birsteiner nicht nur den Orden zurück, sondern vor allem sich selbst.
Einzigartig: Die Birsteiner Festspiele 2011 -2012 waren als “Interaktives Landschaftstheater angelegt. Anstatt einer festen Bühne wurden Gäste mit ultraleichten Klappstühlen ausgestattet. Die Handlung geschah fließend an verschiedenen Spielorten in einem Umkreis von 200 Metern, die zu fuß zu erreichen waren. Mit dabei: Hunde, Roller, PWK, Geländewagen und vieles mehr.
Regie & Buch
Thali Kellmeyer
Musik
Jochen Flach
Kostüm & Choreographie
Brita Schäfer-Clarke
Birsteiner Festspiele 2008 · 2009
Eine neue Zeit ist nun bereit.
Über das Stück
Wildes Weib erzählt von einem Konflikt zwischen Ordnung und Freiheit, Macht und Natur. In den Wäldern um Birstein sorgt eine geheimnisvolle Frau mit ihren Kindern für Unruhe: Für die Dorfgemeinschaft ist sie Bedrohung und Projektionsfläche zugleich, für den Fürsten eine Herausforderung seiner Autorität.
Als die Jäger sie stellen und ein Kind verletzt wird, eskaliert der Konflikt im Dorf zur moralischen Grundsatzfrage: Hexe oder Schutzsuchende? Außenseiterin oder Hüterin einer anderen Lebensform? In dieser Zuspitzung wird das Wilde Weib zur Figur zwischen Mythos und Realität.
Bei der Anhörung vor dem Fürsten wendet sie mit listiger Klugheit das Recht zu ihren Gunsten: Aus einer scheinbar kleinen Bitte erwächst ein großes Stück Freiheit. Damit behauptet sie ihren Platz in der Landschaft – nicht durch Gewalt, sondern durch Intelligenz und Beharrlichkeit. Das Stück wird so zu einer Parabel über Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und das Recht, anders zu leben.
Regie & Buch
Thalia Kellmeyer
Musik
Jochen Flach
Musikalische Leitung
Harald Dittmeyer
Bühne & Kostüm
Brita Schäfer-Clarke
Entstehung
Die Birsteiner Festspiele wurden 2008 als echtes Herzensprojekt örtlicher Künstlerinnen und Künstler ins Leben gerufen. Unter der Trägerschaft des traditionsreichen Gesangvereins Liedertafel 1842 Birstein wagte man damals bewusst einen neuen, ambitionierten Schritt: Mit der Uraufführung des Open-Air-Musicals „Das Wilde Weib“ im Schlossgarten entstand ein kulturelles Format, das professionellen Anspruch mit starkem lokalen Engagement verband.
Der Erfolg war überwältigend – künstlerisch wie organisatorisch. Zehn ausverkaufte Vorstellungen, ein großes Ensemble, Orchester, professionelle Leitung, mediale Resonanz weit über die Region hinaus: Schnell wurde deutlich, dass dieses Projekt eine Dimension erreicht hatte, die langfristig eine eigenständige Struktur erforderte.
Der finanzielle Rahmen, die organisatorische Komplexität und der gestiegene Anspruch an Produktion und Nachhaltigkeit machten es notwendig, die Festspiele auf ein eigenes Fundament zu stellen. In enger Abstimmung und mit Unterstützung der Liedertafel wurde deshalb die Wilde Kultur Birstein e.V. gegründet – als eigenständiger Trägerverein, der sich fortan ausschließlich der Weiterentwicklung der Festspiele und weiterer kultureller Projekte widmen konnte.
Die Liedertafel bleibt damit ein wesentlicher Ursprung und ideeller Wegbereiter der Festspiele. Aus ihrem Engagement heraus entstand eine eigenständige Kulturinstitution, die bis heute aus dem Zusammenspiel von Professionalität und bürgerschaftlichem Einsatz ihre besondere Kraft bezieht.